Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unter einem Dach

„Könnten Sie sich vorstellen, im Schwarzwald ein Museum zu bauen?“

Mit dieser Frage, die Gabriele Siedle auf einer Veranstaltung dem Architekten Arno Brandlhuber stellte, begann das Bauprojekt Siedle Haus. Der Standort: Furtwangen – traditionsreicher Industrie- und Wirtschaftsstandort in Baden-Württemberg und seit über 275 Jahren Sitz des Unternehmens Siedle.

Für die Stifter Horst und Gabriele Siedle war es eine Herzensangelegenheit, dass ihre umfangreiche Kunstsammlung genau hier ein dauerhaftes Zuhause bekommen sollte. Als Zeichen der Wertschätzung und Verbundenheit mit der Region – und um den Menschen vor Ort etwas von bleibendem Wert zurückzugeben.

Diese gemeinsame Vision, die Gabriele Siedle seit dem Tod ihres Mannes im Jahr 2019 allein weiterverfolgt, umfasste von Anfang an mehr als einen repräsentativen Ausstellungsort für ihre Sammlung. Vielmehr sollte mit dem Siedle Haus eine Art kulturelle Plattform für vielfältige Veranstaltungen und Bildungsformate rund um Themen wie Kunst, Design und Architektur entstehen. Ein zentrales Anliegen der Stifter: gesellschaftliche Impulse zu setzen, Menschen zu inspirieren und in den Austausch zu bringen.

„Uns war immer klar: Wenn wir ein Museum bauen, so kann es nur in Furtwangen stehen, nicht in Berlin, Stuttgart oder anderswo.“

— Gabriele Siedle

Eine Hommage an die Region

Im Dialog mit Horst und Gabriele Siedle und im „kollaborativen Verweben von Ideen“, so Arno Brandlhuber, entstand in einem längeren Prozess der finale Entwurf zum Siedle Haus: eine architektonische Hommage an die Region, die zugleich an die Geschichte des Unternehmens Siedle anknüpft.

„So ein Entwurf fällt nicht vom Himmel. Er hat sehr viel mit der Geschichte von Siedle und der Region rund um Furtwangen zu tun.“

— Arno Brandlhuber

Mit seinem Entwurf zum Siedle Haus schuf der Architekt die Grundlage für einen traditionell anmutenden, doch in den Details hoch innovativen Bau. Für die Umsetzung des Entwurfs gab es keine Vorbilder – es mussten Lösungen für bisher ungekannte Herausforderungen entwickelt und erprobt werden. Dafür schlossen sich die Büros Arno Brandlhuber b+ und hotz+architekten zusammen und realisierten das Projekt gemeinsam unter der Leitung von Michael Eichmann.

Rein äußerlich erinnert das Siedle Haus an ein klassisches Schwarzwaldhaus, wie es früher traditionell als Wohnraum, Stall und Speicher genutzt wurde. In einem solchen Hofhaus begannen die ersten Siedle-Vorfahren um 1750 mit dem Gießen von Glocken und Uhrenteilen und legten damit den Grundstein für das Unternehmen Siedle. Ein Schwarzwaldhaus ist auch auf einem Aquarell zu sehen, das von Horst Siedles Vater Max überliefert ist und den Architekten Arno Brandlhuber zu seinem Entwurf inspirierte.

Mit seinem charakteristischen Holztragwerk und dem regionaltypischen Schindeldach, dessen Dachflächen teils bis zum Boden reichen, bietet auch das Siedle Haus Raum für vielfältige Nutzungsweisen – von der Ausstellung der Kunst bis hin zu verschiedenen Kultur- und Bildungsformaten.

Architektur „An der Grenze des technisch Machbaren“

Das Herzstück des Siedle Hauses bildet der Ausstellungsraum. Er stellt eine Art Nukleus dar – einen Knotenpunkt, an dem sich die Geschichte von Siedle in besonderer Weise verdichtet. Es handelt sich um einen aus Beton gegossenen Baukörper, der als „Haus im Haus“ in die Architektur integriert ist und in seiner Machart auf die Ursprünge des heute europaweit führenden Sprechanlagenherstellers verweist.

„Wir haben die Gießerei neu interpretiert“, sagt Gabriele Siedle, die den Entwurfsprozess eng – und seit dem Tod ihres Mannes Horst Siedle im Jahr 2019 allein – begleitete. Das Stifterpaar und Architekt Arno Brandlhuber waren sich von Anfang an einig, dass der Neubau an die Firmengeschichte angebunden werden solle. So entstand die Idee, das Bestandsgebäude, das sich damals noch auf dem Grundstück des Siedle Hauses befand, in Beton abzugießen und in die Architektur einzubeziehen.

Dieses Gebäude war nicht irgendeines, sondern ein Stück Familiengeschichte: Ende des 19. Jahrhunderts wurde es von Robert Siedle erbaut und als Wohnhaus genutzt. Die daneben errichtete baugleiche Siedle Villa gehörte seinem Bruder Hektor und ist heute Sitz der Geschäftsführung von Siedle.

„Dass da so etwas Doppeltes steht, fanden wir schon immer sehr interessant“, sagt Arno Brandlhuber. Eine glückliche Fügung also, dass das leerstehende Haus samt Grundstück, nachdem es lange nicht mehr im Familienbesitz gewesen war, durch die Horst und Gabriele Siedle Kunststiftung zurückerworben werden konnte.

So steht das Siedle Haus heute in direkter Nachbarschaft des Unternehmens und der Siedle Villa. Letztere spiegelt sich symbolisch in der rückseitigen Glasfassade des Siedle Hauses und bleibt so mit ihrem ehemaligen Zwilling verbunden.

Punkt für Punkt – Digitale Bildhauerei

Da die marode Bausubstanz des Bestandsgebäudes einen physischen Abguss an Ort und Stelle nicht mehr zuließ, entstand die Idee einer Reproduktion mit digitalen Mitteln. In einem aufwändigen Prozess wurden hunderttausende photogrammetrische Aufnahmen sowie Laserscans der Hausfassade erstellt. Das anspruchsvolle und bislang einzigartige Verfahren wurde vom Schweizer Büro JBKS durchgeführt. Aus den dabei gewonnenen Messpunkten entstand eine hochpräzise Punktewolke – ein digitales Abbild des alten Gebäudes.

Dieser gigantische Datensatz diente als Grundlage für die Herstellung von Schalungsmatrizen und ermöglichte einen Abguss von enormer Detailtiefe. So blicken Besuchende des Siedle Hauses beim Betreten des Schauraums auf die Außenfassade des alten Wohnhauses, die – nun in invertierter Form – zur Innenfassade wird. Risse, Nagelköpfe, vermooste Stellen, sogar die Jahresringe in den Holzbalken sind im Abguss zu erkennen und bilden einen unkonventionellen Hintergrund für die Inszenierung der Kunstwerke.

„Die Umsetzung war eine enorme Herausforderung. Doch es ist uns gelungen, den Entwurfsgedanken unverändert zu realisieren.“

— Michael Eichmann

Ein Zusammenspiel aus Ästhetik und Funktion

Aus Altem entsteht etwas Neues, Vergangenes wird Teil der Zukunft – dieses Leitmotiv findet sich an vielen Stellen im Siedle Haus wieder. So wurde der Empfangstresen im Foyer, ebenso wie die Spinde im Untergeschoss, aus Kunststoffresten der Siedle-Produktion gefertigt. Das Rezyklat mit seinem feinen Grauton und den schimmernden Einschlüssen stellt eine ästhetisch überzeugende und zugleich nachhaltige Lösung dar. Und nicht zuletzt: ein weiteres Stück Siedle-DNA, das sich in das Siedle Haus einschreibt.

Hier wie in nahezu jedem Detail des Baus und seiner Innenausstattung lässt sich ablesen, wie Ästhetik und Funktionalität ineinandergreifen und konsequent zusammen gedacht werden. So auch bei der von Spiegel Art gefertigten Spiegelwand im Foyer, die den Raum optisch weitet und eine beinahe perfekte Illusion erzeugt: Die charakteristische Holzkassettendecke spiegelt sich darin so, dass kaum zu unterscheiden ist, wo das reale Deckengewölbe endet und wo die Spiegelung beginnt. Auch der Betonkubus des Abgussraums wird darin reflektiert – und wiederholt das Motiv der Doppelung, das der Architektur innewohnt.

Beispielhaft für das Zusammenspiel aus Ästhetik und Funktion steht auch das maßgeschneiderte Lichtkonzept. Ein Schwarm aus 268 Kugellampen erleuchtet das Foyer im Siedle Haus. Wellenförmig angeordnet, erzeugen sie ein sanftes Streulicht, das den Raum dezent und zugleich effektiv erhellt. Da keine Standardlampe die notwendigen Eigenschaften mitbrachte, wurden die filigranen Kugellampen eigens von LichtKunstLicht entworfen und in Zusammenarbeit mit der Leuchtenmanufaktur Bergmeister umgesetzt.

Hüter der Kunst: das Dach des Siedle Hauses

Über das komplexe Innenleben mit seinen zahlreichen Besonderheiten spannt sich das charakteristische Dach des Siedle Hauses. Mit seinen tiefgezogenen Dachflächen und der typischen Schindeldeckung knüpft es ästhetisch an traditionelle Schwarzwaldarchitektur an. In seiner Ausgestaltung und Dimension aber ist es einzigartig.

Eine Fläche von 1400 Quadratmetern, ein Tragwerk von 25 Metern Spannweite, rund 100.000 verbaute Holzschindeln und 270.000 Stahlnägel zeugen von einer enormen Konstruktions- und Fertigungsleistung aller beteiligten Fachplaner und Gewerke.

Das Dach übersetzt die Haltung des Siedle Hauses in einen architektonischen Gestus: Als hütende Instanz, die über die Kunst wacht und behutsam die Vielfalt der Nutzungsweisen – als Museum, Veranstaltungs- und Dialograum – miteinander verbindet.

Projektbeteiligte

Entwurf: Arno Brandlhuber

Arno Brandlhuber (*1964 in Wasserlos in Franken) ist Architekt sowie derzeit Professor an der ETH Zürich. 2006 gründete er das Architekturbüro Brandlhuber+ in Berlin, das sich der Zusammenarbeit mit anderen Praktiken, Disziplinen und Personen widmete. So entstanden im Rahmen der Kollaboration Brandlhuber+ Emde, Burlon Bauprojekte wie die Antivilla in Potsdam, die Brunnenstraße 9 sowie der Umbau der Kirche St. Agnes in Berlin.

Leitender Architekt: Michael Eichmann (hotz+architekten)

Für hotz+architekten ist das Ziel jeder Architektur, die Dinge einfach zu gestalten. Dazu gehört, dass ein Gebäude plausibel auf die Bedingungen des Ortes reagiert, nachvollziehbar und offen ist für die Vielfältigkeit des Lebens. Jedes Projekt wird auf wenige Kernfragen verdichtet, deren überzeugende Beantwortung im Mittelpunkt des Prozesses steht.

Landschaftsarchitektur: atelier le balto

atelier le balto ist ein deutsch-französisches Büro für Landschaftsarchitektur und Gartenkunst mit Sitz in Berlin und Le Havre. Das Kernteam besteht heute aus Véronique Faucheur, Marc Pouzol, Nil Lachkareff, Marc Vatinel und Lilith Unverzagt. Seit der Gründung 2001 entwickelt das Kollektiv Gärten, Parks und urbane Freiräume, die weniger als fertige Inszenierungen verstanden werden, sondern vielmehr als lebendige Prozesse.

Der Prozess

Die Skizze veranschaulicht den architektonischen Aufbau des Siedle Hauses. Im Inneren: der Betonabguss als „Haus im Haus“. Es handelt sich um das Abbild jenes Wohnhauses, das sich zuvor am Standort befand und von den Siedle-Vorfahren Hektor und Robert Siedle erbaut wurde.   Außen die Gebäudehülle, bestehend aus Holztragwerk, Glasfassade und Schindeldach. Die besondere Geometrie des Dachs leitet sich konsequent aus den Dachlinien und Knickpunkten des ehemaligen Bestandsgebäudes ab.

Die Architektur der Landschaft: atelier le balto

Landschaftsarchitektur

Architektur, Stadt und Natur miteinander zu verbinden – mit diesem Gedanken entwickelten die Landschaftsarchitekt:innen von „atelier le balto“ die Freianlagen rund um das Siedle Haus: eine grüne Oase, die bis hinunter zum Flüsschen Breg reicht.

Zentraler Bestandteil des Konzepts: ein Uferweg, der das Siedle Haus mit der Breg verbindet. Zudem wird die Hintere Breg nach und nach in ihren ursprünglichen Zustand versetzt – gefördert durch einen Landeszuschuss. Das gemeinsame Ziel: einen zugänglichen, attraktiven Aufenthaltsort für alle zu schaffen.

Der Vorplatz zum Siedle Haus: Polygonale, ineinander verschränkte Betonplatten komponieren den Wegeverlauf zum Museumseingang.

Zu den prägenden Projekten von atelier le balto zählen unter anderem der „Jardin Sauvage“ am Palais de Tokyo in Paris, der Garten des Brücke-Museum in Berlin, der Jüdische Garten in den Gärten der Welt sowie Projekte für Institutionen wie das KW Institute for Contemporary Art, die Berlinische Galerie oder die Villa Romana in Florenz.